Psycholytische Therapie

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Blick über den Horizont des Alltäglichen

Die Psycholytische Therapie, bei der bewusstseinsverändernde Substanzen eingesetzt werden, ist zur Zeit aus legalen Gründen in meiner Praxis nur in Ausnahmefällen durchführbar. Deshalb können Sie sich zur Zeit für eine solche Therapie nicht bei mir anmelden. Die meisten hier besprochenen Substanzen sind in vielen Ländern Betäubungsmittel und somit in der Anwendung verboten oder eingeschränkt. Erkundigen Sie sich über die rechtliche Lage in Ihrem Land.

Der Begriff „Psycholyse“

„Psycho… was?“ „Psychoanalyse?“ Diese Sätze höre ich ab und an, wenn es um die sogenannte Psycholytische Psychotherapie oder kurz Psycholyse geht. Denn im Gegensatz zu „psychedelisch“ ist „psycholytisch“ kein allgemein verbreiteter Begriff geworden. Er ist eine lediglich für Insider geläufige Bezeichnung geblieben, die zudem ausschliesslich im deutschen Sprachraum verwendet wird. Zudem ist er mit einem Imageproblem behaftet, denn wenn es irgendwo in der Schweiz oder in Deutschland zu Unfällen oder Skandalen im Zusammenhang mit dem therapeutischen Einsatz von bewusstseinsverändernden Substanzen gekommen ist, so wurde der Begriff „Psycholyse“ meist verwendet und von irgendwelchen Fachleuten häufig auch gleich abqualifiziert. Wir – und damit meine ich meine KollegInnen aus der Schweizerischen Aerztegesellschaft für Psycholytische Therapie – halten am Begriff fest, weil er historisch gewachsen ist und ein Konzept beinhaltet, welches mit Modifikationen auch heute noch für diese Art der Therapie verwendet wird. Die Erfahrungen im veränderten Bewusstseinszustand – so das ursprüngliche Konzept – dienen der Bewusstwerdung bis anhin unbewusster Inhalte. Der Begriff „psycholytisch“ (die Seele auflockernd) meint eine Lockerung der psychischen Abwehrstrukturen und damit eine bessere Zugänglichkeit für das Bewusstsein. Die Entwicklung der Therapie fusst in den 1960er Jahren. Der Begriff wurde vom Engländer Humphrey Osmond eingeführt, die Therapie dann aber vor allem vom in Göttingen lehrenden Arzt Hanscarl Leuner entwickelt und beschrieben.

Aus der Geschichte

Wenngleich die Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen wie Psilocybin (aufgenommen durch Pilze) und Meskalin (vorkommend in Kakteen) in Heilritualen seit Tausenden von Jahren praktiziert wurde, interessierte sich die westliche Medizin erst seit dem 20. Jahrhundert für das therapeutische Potenzial dieser Stoffe. Der deutsche Psychiater Kurt Behringer veröffentlichte 1927 ein Werk über den Meskalinrausch, das vor allem die Phänomenologie solcher Erfahrungen beschrieb.

Mutterkorn auf Roggen. Ausgangsprodukt der LSD-Synthese ist Mutterkorn

Mutterkorn auf Roggen. Ausgangsprodukt der LSD-Synthese ist Mutterkorn

Die eigentliche Erforschung der psychoaktiven Substanzen, die das Bewusstsein verändern, begann 1943, als der Schweizer Chemiker Albert Hofmann LSD entdeckte. 1946 publizierte Stoll in Zürich die erste Untersuchung der Anwendung von LSD am Menschen. In dieser frühen Phase wurde dem therapeutischen Rahmen noch keine spezielle Beachtung geschenkt. LSD wurde wie ein gewöhnliches Medikament verabreicht. Erst nach und nach wurde ein spezieller therapeutischer Rahmen definiert und eine Begleitung der durch die Substanz ausgelösten Erfahrung durch erfahrene Therapeuten eingeführt (so genanntes Setting). Damit kommt zum Ausdruck, dass die Psychotherapie mit bewusstseinsverändernden Substanzen in einem Grenzbereich zwischen Pharmako- und Psychotherapie steht. Das bewusstseinsverändernde Medikament dient nicht unmittelbar dem kurativen Zweck, ein Symptom zu reduzieren oder eine Krankheitsursache zu beseitigen, sondern es vertieft und intensiviert gleichsam wie ein Katalysator die für die Psychotherapie notwendigen Prozesse wie emotionale Bindung oder Problemaktualisierung und -bewusstsein.

Albert Hofmann, Chemiker bei Sandoz in Basel entdeckte 1943 LSD

Albert Hofmann, Chemiker bei Sandoz in Basel entdeckte 1943 LSD

Bis Anfang der 1970er-Jahre entstanden weltweit mehrere Tausend wissenschaftliche Publikationen über LSD. Als Reaktion auf den Massenkonsum von LSD in Hippie- und anderen Gegenkulturbewegungen wurde LSD 1971 in der Schweiz sowie in dieser Zeit in fast allen Ländern weltweit verboten. Gleichzeitig wurden auch andere bewusstseinsverändernde Stoffe wie Psilocybin und Meskalin als Betäubungsmittel festgeschrieben (MDMA wurde 1985 verboten) und ihre medizinische Anwendung verboten Damit kam auch die therapeutische Forschung zum Erliegen.

SÄPT

1985 wurde die Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) gegründet. Zweck dieser weltweit einzigen Vereinigung von AerztInnen und Therapeutinnen ist die (Wieder-) Verankerung der Therapie mit bewusstseinsverändernden Stoffen als Behandlungsmerhode. von 1988 – 1993 hatten fünf Psychiaterinnen aus der SÄPT eine Bewilligung mit LSD und MDMA zu behandeln.

Neuere Forschung

Seit etwa dem Jahr 2000 ist eine Wiederaufnahme der therapeutischen Forschung mit bewusstseinsverändernden Substanzen zu beobachten. In den USA erforschen zwei Teams die psychologischen Wirkungen von Psilocybin bei Krebspatienten (Griffiths 2006 und Grob 2011) und ein Team die Wirkung von MDMA bei Patientinnen mit psychischen Störungen nach Trauma (Mithoefer 2009). In der Schweiz erhielt 2004 Dr. med. Peter Oehen, Biberist eine Bewilligung für eine MDMA-Studie  bei Patientinnen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. 2007 erhielt ich selber eine Bewilligung für eine LSD-Studie bei Patientinnen mit Angstzuständen bei lebensbedrohenden Erkrankungen.